Die Tour ist vorbei, der Glitzer verschwindet im Schrank, die Wäsche wartet und die große Geste steht plötzlich in der Küche. „Ich bin doch ein Rockstar. Warum spüle ich jetzt Geschirr?“, fragt Sodl und bringt diesen komischen, jetlagartigen Schwebezustand, der einen nach einer Tour erwischt, ziemlich gut auf den Punkt.
Von Zwischenzuständen, von Dingen, die noch nicht ganz fertig sind, scheint die 22-jährige Singer-Songwriterin besonders angezogen. Das trifft sich mit einer Welt, die Menschen erstaunlich schnell in eine Form bringt, in der sie sich leichter weitererzählen lassen. Das Weird Girl. Die sensible Lyrikerin. Die Naturverbundene. Sodl scheint dagegen lieber dort zu bleiben, wo noch etwas ausfranst – in Wörtern, Songzeilen und grungy Gitarrensounds, die ruhig ein bisschen scheppern dürfen. Fuzzy Gitarren koexistieren auf ihrem 2025 erschienenen Debütalbum Sheepman mit großer Zartheit, während die Lyrics manchmal wie eine Wucht daherkommen. Wir würden sagen: Es hat sich ausgezahlt, nachts weiterzuschreiben, obwohl man längst hätte schlafen sollen.
Wir sprechen mit Sodl über die schwierige Rückkehr vom Ausnahmezustand zum Menschen mit schmutzigem Geschirr, über das leicht Unheimliche an Social Media und – weil gewisse Formate ihre eigenen Gesetze haben – natürlich auch über Sodls Tasche und ihren Inhalt.
INA KENT meets SODL
Du bist gerade von einer längeren Tour zurückgekommen. Wenn man jeden Abend auf einer anderen Bühne steht, entwickeln sich wahrscheinlich gewisse Routinen. Gibt es etwas, das vor jedem Konzert gleich abläuft?
Ja. In der Band trinken wir immer einen Ingwerschnaps. Davor stehen wir meistens zusammen, nehmen uns an den Händen und sagen uns irgendetwas Liebes oder bedanken uns dafür, dass wir jetzt gemeinsam spielen dürfen, mal mehr oder weniger ironisch. Dann sagen wir gemeinsam: „Irrsinnig, irrsinnig, irrsinnig, irrsinnig, irrsinnig lässig.“ Und ja, dann exen wir den Schnaps und gehen auf die Bühne.
Wie fühlt man sich nach so einer Tour … kannst du sofort wieder „normal“ werden oder dauert es, bis du wieder im Alltag ankommst?
Schrecklich.
(lacht)
Nein, wirklich. Ich brauche immer mindestens eine Woche, bis ich wieder halbwegs normal funktioniere. Nach einer Tour falle ich jedes Mal in ein Loch. Wahrscheinlich ist das irgendeine Mischung aus Schlafmangel, Adrenalin und Dopamin. Während der Tour ist jeder Tag aufregend. Du wachst in einer anderen Stadt auf, spielst Konzerte, triffst Menschen, die dir Geschichten aus ihrem Leben erzählen. Und plötzlich sitzt du wieder daheim und denkst: Moment. Ich bin doch ein Rockstar. Warum spüle ich jetzt Geschirr? (lacht)
Aber touren ist wahnsinnig anstrengend und man freut sich immer auf das eigene Bett … aber gleichzeitig vermisst man sofort dieses Unterwegssein. Und ich hab einfach großes Glück mit meiner Band, weil wir verstehen uns auch in den Situationen, in denen man sich eigentlich längst auf die Nerven gehen müsste.
Du wirkst trotzdem nicht wie jemand, die lange im Nachhall bleibt. Es heißt ja, du seist schon im nächsten Kapitel … und ein neues Album sei mehr oder weniger fertig?
Ich hab das ein bisschen ausgeplaudert.
(lacht)
Ich arbeite an neuem Material und bin gerade sehr in der Schaffensphase. Aber so ein Album hat natürlich eine ganz schöne Vorlaufzeit.
Apropos Schaffensphase … wie entsteht denn überhaupt ein Song bei dir?
Der Anfang ist immer etwas, das mich berührt. Das kann eine Situation sein, die ich beobachtet habe. Ein Satz. Ein Wort. Manchmal sogar nur eine bestimmte Übersetzung eines Wortes. Ich liebe Sprache und stolpere ständig über Formulierungen, die etwas in mir auslösen. Oder ich spiele einfach herum. Auf der Gitarre, am Akkordeon, am Klavier. Dann taucht etwas auf, das mich interessiert, und ich folge dem. Ich könnte mich aber nie hinsetzen und beschließen: Heute schreibe ich ein Lied über dieses Thema. Das funktioniert bei mir nicht.
Früher hast du gesagt, Musik müsse fast von selbst entstehen. Heute sprichst du auch von Disziplin.
Beides. Ich lasse den kreativen Geistern ihren Raum und ihre Eigenwilligkeit. Ich lasse mich manchmal treiben, schreibe nachts, obwohl mir schon die Augen zufallen. Oder schraube dann auch wieder zurück damit, wenn mich anderes beschäftigt. Aber ich versuche da immer mit wenig Druck und viel Geduld ranzugehen. Ja, natürlich braucht man auch Disziplin, um sich der Musik zu widmen. Sonst wird man vielleicht zu gemütlich.
Du hast unlängst gesagt, man solle die Fäden eines Songs hören dürfen. Das klingt fast wie ein Gegenentwurf zu einer Gegenwart, in der vieles möglichst glatt erscheinen soll.
Ich glaube gar nicht, dass das ein Gegenentwurf ist, zumindest nicht bewusst … es ist einfach mein Geschmack. Es gibt Popmusik, die wahnsinnig glatt ist und die ich trotzdem gerne höre. Aber wenn mich etwas wirklich berühren soll, dann brauche ich meistens etwas anderes. Irgendeine Rauheit. Etwas, das nicht komplett versiegelt wirkt. Mich interessieren Dinge, die ihre Entstehung nicht ganz verstecken.
Gibt es Musik, die dir zu perfekt ist?
Vielleicht nicht zu perfekt, aber manchmal zu abgeschlossen. Ich mag Kunst generell gern, wenn sie noch Türen offenlässt. Wenn man sich nicht ganz sicher ist, was man da gerade sieht oder hört. Das interessiert mich mehr als Dinge, die sofort eindeutig sind.
Gab es Künstler:innen, die für dich Türen geöffnet haben?
Alice Phoebe Lou ganz sicher. Sie hat auch sehr klein begonnen und hatte keine riesige Maschinerie dahinter. Als ich sie entdeckt habe, dachte ich zum ersten Mal: Vielleicht könnte man das tatsächlich machen. Musik. Einfach so. Und Adrienne Lenker auf jeden Fall. Mich beeindruckt bei ihr vor allem die Art, wie sie schreibt. Sie ist für mich eine unglaublich gute Lyrikerin, ihre Texte sind gleichzeitig direkt und offen. Da ist nichts Übererklärtes drin, aber trotzdem trifft es einen sofort.
Social Media ist für Musiker:innen heute fast unverzichtbar geworden. Gleichzeitig bedeutet es auch, dass Musik ständig in neue Kontexte gerät und dort von anderen weitergedeutet wird. Wie erlebst du dieses Verhältnis zwischen Sichtbarkeit und Kontrollverlust?
Grundsätzlich ist Social Media was Schönes, ich hab dadurch viele Menschen erreicht und selbst auch voll viele Künstler:innen entdeckt, die mir jetzt wichtig sind. Aber es schwingt immer etwas Unheimliches mit, weil man nie weiß, wem die eigenen Inhalte zugespielt werden, wie es verstanden wird, was damit geschieht. Und die Musik ist mein tiefstes Inneres, es braucht schon Überwindung, sich so einer großen Masse so verwundbar zu zeigen.
Aber ich genieße den Kontakt mit meiner Crowd abseits von der Bühne, das wäre ja sonst nicht möglich. Social Media hat viele Schattenseiten, und zum Glück macht es trotzdem Spaß. Es ist ein dauerndes Damit-Umgehen-Lernen.
Ich hab jetzt auch einen Newsletter, da schreibe ich hin und wieder lange Briefe an meine Leser:innenschaft. Informiere über Konzerte, neue Lieder und so weiter, aber schreibe auch viel Persönliches und Zufälliges. Und es ist nur ein Aussenden, ohne ständig die Reaktion von Menschen mitzubekommen. Das Unlustige an Social Media ist, dass die Reaktionen der Menschen so wichtig sind.
Verändert das deine Kunst?
Das versuche ich zu verhindern. Wenn ich einmal anfange, TikTok-Hooks zu schreiben, nur damit sie auf TikTok funktionieren, dann erschießt mich bitte.
Gibt es Dinge, die du manchmal nicht postest oder nicht machst, einfach weil du Angst hast, sie könnten cringe sein?
Wir sollten Cringe hinter uns lassen. Cringe ist the price you pay. Man muss cringe sein, weil sonst macht man nichts. Sonst ist man ein stummer Fisch.
Wenn man über dich liest, begegnet man immer wieder ähnlichen Beschreibungen: naturverbunden, mysteriös, verletzlich … Weird Girl. Nimmst du wahr, welche Figur andere aus dir machen?
Ich vergess immer, dass Menschen überhaupt ein Bild von mir haben. Erst wenn jemand mit mir spricht, schimmert manchmal die Vorstellung durch, die die Person von mir hat. Und dann denk ich meistens: Das stimmt schon ein bisschen. Aber halt auch überhaupt nicht.
Und stört dich das?
Nein. Menschen denken eben in Narrativen, niemand hat Zeit, die gesamte Persönlichkeit von jemand anderem zu erfassen, das geht ja gar nicht. Und solange mir die Vorstellungen nicht komplett gegen den Strich gehen, find ich das völlig okay.
Du bist in viele Prozesse selbst involviert: musikalisch, organisatorisch, visuell. Brauchst du diese Kontrolle, damit sich etwas wirklich nach dir anfühlt … und wie gelingt es dir, diesen unterschiedlichen Anforderungen gerecht zu werden?
Ich sehe das gar nicht als Kontrolle. Eher als Fürsorge. Ich kümmere mich um die Rahmenbedingungen, damit ich die Musik möglichst frei machen kann. Wenn ich mich um gar nichts Organisatorisches kümmern würde, täte ich keine Konzerte spielen und keine Alben veröffentlichen. Und wenn ich nur organisieren würde, gäbe es irgendwann keine Musik mehr. Beides braucht einander.
Von niemanden etwas angeschafft zu bekommen, heißt auch, alle Entscheidungen mehr oder weniger allein treffen zu müssen. Und für mich ist das alles Learning by Doing. Dieses Organisieren kann viel Zeit in Anspruch nehmen und hat oft auch eine Dringlichkeit an sich. Aber nicht alles, was dringend wirkt, ist wichtig. Manchmal ist es wichtiger, in den Himmel zu schauen und über Vogelnester nachzudenken.
Was hat dich zuletzt in der Popkultur wirklich interessiert?
Ich mag Ikkimel sehr gern.
Wirklich?
Ja. (lacht)
Sie polarisiert, da passiert etwas. Ich hab einmal gelesen, dass Ikkimel so lange erfolgreich sein wird, solange sie Diskussionen auslöst. Und ich glaub, da ist schon was dran, mich interessiert das. Außerdem schau ich mir wahnsinnig gern Bühnenoutfits an. Die von Sabrina Carpenter zum Beispiel, die glitzern so schön. Die Musik hör ich privat nicht, aber das schau ich mir schon gern an.
Was muss eine Tasche können, damit du sie wirklich jeden Tag trägst?
Sie muss größer sein, als ich sie brauche. Ich stopfe ungern. Ich mag Taschen, in denen noch Platz ist. Und ich mag Fächer. So Innentaschen, Schlüsselbänder, irgendwelche kleinen Facherl. Das schätze ich sehr. Aber auch bei kleineren Taschen hab ich außerdem eine ganz wichtige Bedingung: Es muss eine Wasserflasche hineinpassen.
Das klingt erstaunlich pragmatisch.
Ja, voll. Und die Riemen müssen gemütlich sein. Ich mag's nicht, wenn irgendwas herumbaumelt oder herumklenkert. Ich trag Taschen gern nah am Körper. Und schön darf sie natürlich auch sein. Ich mag glitzernde Sachen oder Materialien, die irgendwie besonders sind.
Kann man am Inhalt deiner Tasche erahnen, dass du Künstlerin bist?
Heute an den losen Zetteln mit Lyrics und dem Notizbuch wahrscheinlich … die sind schon ein recht eindeutiger Hinweis.
Wenn jemand deine Tasche finden würde, ohne dich zu kennen – was würde diese Person komplett falsch über dich annehmen?
Wahrscheinlich, dass ich gerne Schwarz trage.
Wenn deine INA KENT-Tasche ein Sodl-Song wäre, welcher wäre sie?
Ich glaub, I'm A Woman. Die Tasche erinnert mich immer an den Nachthimmel, weil sie so schön funkelt. Und in I'm A Woman sing ich: „Look at the night sky, look at my hands …“.
SODL TRÄGT:
Mehr über und zu Sodl: Website mit Tourdaten - Instagram - TikTok
Fotos: Linda Tomschiczek
Licht & Assistenz: Daniel Binder
Vielen Dank an die ARENA Wien!
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Jul. 4, 2026
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