Hinter dieser Freiheit steckt auch viel Administration und Bürokratie: Förderungen, Budgets, Deadlines, die eigenen Rechte kennen. Wie viel Disziplin braucht deine Freiheit? Und wie lange hat es gedauert, das Know-how zu finden, um so selbstbestimmt agieren zu können?
Das hat vor allem Leute gebraucht, die bereit waren, ihr Wissen und ihre Erfahrung mit mir zu teilen. Es braucht also nicht nur meine eigene Disziplin, sondern auch den guten Willen anderer. Und den habe ich von verschiedenen Menschen in Wien erfahren. Ich glaube, das ist auch einer der Gründe, warum ich Wien so gerne mag. Dadurch hatte ich überhaupt die Möglichkeit, das ein bisschen ernst zu nehmen, irgendwas zu machen und darum eine Struktur zu erweitern. Und dann viel Zeit und viel Hingabe von Leuten, die das für kein Geld, sehr wenig Geld, aus Leidenschaft, aus Support einfach gemacht haben. Gegenseitige Gefallen, sich gegenseitig aushalten, das hat es gebraucht.
Es hat auch eine gewisse finanzielle Sicherheit gebraucht. Das sind nicht Sachen, bei denen ich sage: Das kann jeder mit einer Hand einfach schnell machen. Sondern ich hatte auch viel Glück und viel guten Willen, um dahin zu kommen, wo ich sagen kann: Eigentlich kann ich mir den Tausch so angucken.
Wenn wir über Verträge reden: Wenn man die ganzen Versprechen, was alles möglich sei, das ganze Potenzial rausnimmt – was ist der Tausch? Es gibt diese ganze administrative Arbeit, diesen ganzen Geschäftszweig der Sache. Damit jemand anders den für mich macht, gebe ich etwas ab. Man muss sich ganz klar sein, ob sich das lohnt. Ob man sich das vielleicht mit jemandem zusammen angucken und dann doch selber machen kann. Oder ob es wirklich so ist: Wenn ich das machen muss, stirbt für mich der andere Teil. Dann kann ich es abgeben, und dann lohnt sich auch der Tausch.
Über Wien hört man auch oft das Gegenteil: die Menschen würden gerne gatekeepen und man finde in anderen Städten leichter jemanden, der einen unterstütze oder mentore.
Sehe ich auch. Wenn ich die eine Person highlighte, die Ja gesagt hat, gegenüber den vierzig, die Nein gesagt haben, will ich damit sagen: Es gibt aber trotzdem Leute, die sich gegenseitig helfen und das auch machen wollen.
Klar gibt es Gatekeeping, natürlich extrem. Ressourcen werden gegatekeept, Wissen wird gegatekeept. Da darf man auch nicht das unter den Scheffel stellen, was da erarbeitet wurde. Deshalb gibt es so eine lebendige Musikszene, weil es so viel Grassroots Work gibt. Da kommen ständig Bands und Acts raus, daher kommt das.
Woran erkennst du heute, ob eine Kollaboration gut ist und ob du jemandem vertrauen kannst?
Bauchgefühl. Bauchgefühl, Respekt, Vertrauen wird erwidert und die Kommunikation ist offen. Dann passt es.
Was ist der unsexieste Skill, der dein Leben als Künstlerin am stärksten verbessert?
Admin. Excel. Also alles, einfach Buchhaltung. Ja. Buchhaltung.
Auf The Label beschäftigst du dich viel damit, wie wir gelesen und bezeichnet werden. Wie bewusst entscheidest du eigentlich, wie du selbst gelesen werden möchtest, bevor du aus dem Haus gehst?
Unsichtbar sein war für mich schon als Teenager keine Option, ich bin sehr schnell sehr groß geworden. Dann habe ich es mir so früh wie möglich zum Hobby gemacht, mein Äußeres bewusst zu verändern, ganz genau zu wissen und zu entscheiden, warum die Leute gaffen. Haare färben, Haare abschneiden, Piercings, Tattoos, Gewand. Alles eigentlich auch ein Spiel mit Zeichen.
Gibt es Kleidungsstücke oder Accessoires, die früher für eine bestimmte Version deiner selbst standen, die du heute aber auf keinen Fall mehr tragen würdest?
Chuck Taylor High Tops in Schwarz. Zeitloser Emo-Schuh meiner Jugend, jedoch orthopädischer Albtraum.